05.12.16 Von Pfahlmasten und Vollpfosten

In letzter Zeit wird das Wort "Intelligenz" allen möglichen Lebensbereichen zugeschrieben. Man spricht von intelligenten Rechnersystemen und von intelligenten Problemlösungen. Journalisten, Werbetexter, und natürlich auch Politiker können auf das Wort nicht verzichten und schreiben es allen möglichen Begriffen zu. Wer das Schicksal erleidet, dass ihm dieses Adelsprädikat komplett abgesprochen wird, ist arm dran. Folgerichtig hat das DFB-Sportgericht vor fünf Jahren den Bundesligaspieler Arjen Robben zu 15.000 Euro Geldstrafe verdonnert und ihn für zwei Spiele  gesperrt, weil er einen Schiedsrichter "Vollpfosten" nannte. Das Wort ist, so befand das Gericht, eine Beleidigung. Das kann zutreffen, denn bei dem Begriff "vermutet (man) eine Bezugnahme auf die intellektuellen Fähigkeiten des Bezeichneten, die nicht größer seien als die eines stehenden Holzstücks" (WIKIPEDIA).

Womit wir beim Thema angekommen sind.

Seit letzter Woche liegt ein veritabler Baumstamm auf dem Bohlwerk. Er ist der Rest einer stattlichen Douglasie, die zusammen mit den Bäumen für den Historischen Krahn gefällt wurden und der nun seinen vorläufigen Lagerplatz auf der hölzernen Anlegebrücke im Historischen Hafen gefunden hat. Dort soll er bis zum nächsten Frühjahr liegen, bis er zum Hauptmast von RYVAR, dem roten Logger im Museumshafen bearbeitet wird.
Wer als Passant vor diesem Trumm von Baumstamm steht und einen Blick über die Schulter auf den Großmast der RYVAR wirft, wird sich möglicherweise wundern, warum man keinen schlankeren Baumstamm gewählt hat. Schließlich wird es eine Menge Kleinholz und Späne zu hobeln geben, bis der Mast fertig ist. Aber Bäume haben nun mal ihr eigenes Maß und wer eine bestimmte Stammlänge sucht, bekommt auch einen entsprechenden Durchmesser. Die Maße für den neuen sind schließlich durch den vorhandenen Mast vorgegeben.

RYVAR hat einen geteilten Großmast. Dabei trägt der so genannte Untermast ab dem Eselshaupt zur Verlängerung eine Stenge. Während am Untermast das Gaffelsegel, das Focksegel und der Klüver befestigt sind, kann an der Stenge das Toppsegel (über dem Gaffelsegel) und vorne der "Flieger" befestigt werden.
Alles zusammen wirken mit starker Kraft aus wechselnden Richtungen auf den Untermast. Der muss so stark sein, dass er sein eigenes Gewicht plus einen Teil der nach unten gerichteten Kräfte der Segel (Fallen und Vorlieken) und der so genannten Verstagung aufnehmen kann. Zur Seite wird er durch die (seitlichen) Wanten und nach vorne durch die Stagen gestützt. Nach hinten wirken die Achterwanten und das Segel samt Schot, sofern es gesetzt ist. Dazu kommt die Wirkung der Stagen, Wanten und Pardunen an der Stenge. Das klingt kompliziert und ist es auch, wenn man die beim Segeln tatsächlich auftretenden Kräfte genau berechnet. Das konnte man vor 100 Jahren, als RYVAR gebaut wurde noch nicht genügend genau. Aber es gab die Erfahrungen aus dreitausend Jahren Holzschiffsbau. Die Bootsbauer damals waren auch schon intelligent und haben vorsichtshalber alle Bauteile nach Erfahrungswerten mit gesundem Holz etwas stärker ausgelegt.
Intelligent waren auch die Schipper, wenn sie ihre Masten auf rotte Stellen geprüft haben - woran auch der Historische Krahn von 1726 am Bohlwerk erinnert. Hier wurden neue und reparierte Masten in den Rumpf gesetzt und alte gebrauchte für die Kontrolle, Pflege und Reparatur gezogen.

Ohne dies wären schon damals Schipper und Masten nichts Anderes gewesen als - Vollpfosten.

Mancher wird sich beim Blick über die Schulter auf RYVAR fragen, warum auf dem Bohlwerk nur ein Baumstamm liegt, schließlich hat der Logger ja zwei Masten? Nun, der hintere Mast ist bei diesem Schiff aus Stahl und ein Rohr, das zugleich auch als Auspuff der Schiffsmaschine dient. Die war ursprünglich nicht vorgesehen und wurde erst elf Jahre später eingebaut. Der Holzmast wurde erst vor etwa 15 Jahren durch das dem heutige Stahlrohr ersetzt. Historische Vorbilder für Holzmasten als Auspuff fehlen naturgemäß. Hohle Mastkonstruktionen aus Holz gibt es jedoch schon sehr lange auf Jachten, aber dort werden sie nicht als Auspuff benutzt. Man macht sie hohl, um Gewicht zu sparen und ihre Biegsamkeit zu kontrollieren. Ganz schön intelligent, sind ja auch Hohl- und keine Vollpfosten.
Früheste Nachweise für Besanmasten aus Stahl, die zugleich auch Auspuff sind, stammen aus den 20-er Jahren und sind beispielsweise auch von von Colin Archer Rettungsbooten belegt. Der erste Rettungskutter dieser Art war die RS36 ANDREAS AARÖ, gebaut 1930 in Moen.)


RYVARs neuer Großmast im Rohzustand. Im Vordergrund der Flaggenstock von Mejsen. Das graue Rohr rechts unten ist Teil der Zeltkonstruktion für die Winterplane.

02.12.16 Schöner Wohnen


Hotel Hafen Flensburg. Der Gebäudekomplex umfasst die links zu sehende Häuserzeile und die Gebäude
an der Schiffbrücke, einschließlich der kleinen ganz rechts im Bild. Die Straße links ist der Fahrweg zur Tief-
garage. Der Eingang zum Hotel ist in dem dunklen Teil der Fassadenfront, dem einzigen neuen in der Reihe


























Gestern wurde das neue "Hotel Hafen Flensburg" eröffnet. Damit verschwand ein Schandfleck in der pittoresken Altstadt zwischen Schiffbrücke und Norderstraße. Dabei war es einst die erste Adresse der Stadt, nachdem der dänische König Friedrich II 1853 nebst Gemahlin dort höchstselbst nächtigte. Aber die Zeiten änderten sich, und mit der Zeit ging das Etablissement den Bach runter. Wo anderswo die "Gute Stube" einer Stadt zu finden ist, beherbergten die Mauern des ehemaligen Hotels "Kaysers Hof" schließlich ein Bordell und dann ein zwielichtiges Etablissement namens "Sunny". Nachts ließ dröhndende Musik die Fenster zittern, frühmorgens stritten sich vor den Pforten die letzten Zecher. Das Gebäude verrottete seit zwanzig Jahren. Die klassizistische Fassade bröckelnd, die Fenster zugenagelt stand es schließlich leer. Auch die noch älteren Nachbargebäude an der Schiffbrücke verfielen. Pläne wurden entwickelt und verworfen, aber nichts geschah.
Gleichzeitig wurden im Oluf-Samson-Gang, dem Rest des ehemaligen Rotlichtviertels der Stadt, die frei gewordenen historischen Handwerkerhäuser schick restauriert, während sich die letzen gewerbetreibenden Damen zur Ruhe legten. Für Durchreisende und Anwohner wurde das Bild der Hafenzeile jedoch weiterhin von der desolaten Ruinensammlung an der Schiffbrücke geprägt.

Vergangen, vorbei. Jetzt gibt es am Hafen wieder ein Ensemble, das zur historisch gewachsenen Stadtlandschaft passt. In dem Karree am Hafen ist hinter historischen Fassaden ist ein modernes Hotel mit 69 Betten entstanden, dazu einige Stadtwohnungen. Die Gäste und Bewohner können sich über die Nähe zum Historischen Hafen mit seinen alten Schiffen und über die Nähe zur Einkaufsmeile der Stadt freuen. Und eine Tiefgarage gibt es auch. Wie man in der Zeitung lesen konnte, ist die Nachfrage schon jetzt für die Investoren recht erfreulich.

Es ist Weihnachtszeit, die Zeit der offenen und erfüllten Wünsche. Wir wünschen uns in aller Bescheidenheit, das Ensemble möge vollständig, samt Umgebung, zu einem Schmuckstück werden. Ohne den starken Durchgangsverkehr auf der Schiffbrücke und ohne den geschichtsvergessenen, fantasielosen Parkplatz auf dem Kai. Der Wunsch muss ja nicht schon in dieser Weihnacht erfüllt werden. Aber zwanzig Jahre möchten wir nicht noch einmal warten müssen.  Schließlich wird man nicht jünger.

30.11.16 Zum zweiten Advent






















Das wäre vielleicht was für den zweiten Adventssonntag: Nachmittags bei sonnigem Wetter spazieren gehen und anschließend, wenn's schon dunkel und kalt ist, ins Schifffahrtsmuseum um sich literarisch und adventlich zu verwöhnen. Hier die Einladung:

"Letters to Stories" im Schifffahrtsmuseum
Am Sonntag, 4. Dezember, um 19.30 Uhr lädt der Freundeskreis der Stadtbibliothek Flensburg zu einer winterlichen Lesung in das Flensburger Schifffahrtsmuseum ein.

"Letters to Stories" - die freie Lesung - verwöhnt die Zuhörenden wie gewohnt in gemütlicher Atmosphäre mit einem abwechslungsreichen Programm aus Prosa und Lyrik, Lieblingsgeschichten, eigenen Werken und Weihnachtsgebäck.

Wer etwas vortragen möchte, kann sich unter der Telefon-Nr. 0461/21796 anmelden.

(Eintritt: 3,50 Euro)

27.11.16 Herbstbilder


Sank die Temperatur in der Nacht zu Freitag noch unter null, Samstag mittags erreicht das Quecksilber die zehn Grad-Marke. Liegt  am Freitag Morgen schneeweißer Reif auf dem Bohlwerk, lastet am Sonnabend dichter Nebel überm Hafen. Kein Hauch bewegt die Luft. Wo vor wenigen Wochen Dutzende auf Fischbrötchen warteten, eilen jetzt Wenige vorbei.
Am Freitag weht kein Hauch, kein Boot schreibt seine Spur in den Wasserspiegel. Die Schiffe schweben über ihren Bildern. Tags drauf versinkt die Welt in feuchtem Grau. Reale Bilder und Reflexe, beide sind wie ausgelöscht. Schon heute verwöhnt uns die Sonne wieder. Es ist kühl, der Wind weht in den Hafen, mittags schwappt Wasser überm Jollensteg. Von unten schimmern die Planken, oben tanzt der Himmel auf den Wellen.





















25.11.16 "Schiffe Sehen" im Schifffahrtsmuseum

Am Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet das Schifffahrtsmuseum die Ausstellung mit dem viel versprechenden Titel "Schiffe Sehen". Er verspricht nicht zuviel.

Wir hatten heute Gelegenheit vorab einen Blick in das zweite Obergeschoss zu werfen, wo die Fotografien von Wolfgang Jonas mit den Ölbildern von Tobias Emskötter in einem Dialog zum Thema "Schiffe und wie wir sie sehen" vorgestellt werden.

Erfreulicherweise enttäuscht die Ausstellung die naheliegende Vermutung, dass dem Ort "Museum" entsprechend historische Segel- oder Motorschiffe, als Bild oder Modell mehr oder minder naturalistisch abgebildet, gezeigt werden.

Statt dessen konnten wir eine Ausstellung erleben, in der die den neuzeitlichen Schiffen eigentümliche Ästhetik im Mittelpunkt steht. Die Bilder provozieren die Frage, was wir an ihnen als "schön" erkennen. Die schnörkellose, sachliche Sichtweise geht bis an die Grenze der Erkennbarkeit dessen, was ein Schiff ausmacht.

Reizvoller Kontrast zur sachlich-kühlen Ästhetik: Die auf
Leinwand gemalten Motive im Stil Delfter Kacheln lassen
über das Bild der Schiffe in der Geselschaft einst und
jetzt nachdenken.
Dabei werden wir nicht einmal aufgefordert, die Gesetzmäßigkeiten der Hydrodynamik am Beispiel von Schiffsrümpfen zu ergründen, denn der davon betroffene Teil der Rümpfe, bleibt auch auf den ausgestellten Bildern unter der Wasserobefläche verborgen. Nur ein Aspekt, der folgerichtig mit dem Wort "Schnittstellen" bezeichnet wird, weist darauf hin, dass zu dem "Über" auch ein "Unter" gehört. Die darin zusammengefassten Fotografien heben exemplarisch die Wellen am Bug hervor, die der Rumpf erzeugt, wenn er das Wasser durchschneidet. Die Grenzen zwischen Wasser, Luft und Schiffskörper - Schnittstellen auch sie - forden zu weiteren Assoziationen auf.

Andere Bilder abstrahieren das Thema bis zum Extrem. Rümpfe, von Licht und Schatten modelliert, durch Konturen der Spanten unter der Blechplanken sichtbar gemacht. Die erst auf den zweiten Blick erkennbaren Reparaturstellen in der Oberfläche regen die Fantasie an und lassen Spuren von Rammings oder Umbauten vermuten.

Reizvoll auch die Beziehung von Architektur an Land und der überkommenen Erwartung, wie Schiffe auszusehen haben. Waren doch (Passagier-)Schiffe für Le Corbusier einst - im Kontrast zu der vergangenheitsorientierten Enge des Hauses an Land "... der erste Schritt in Richtung einer im neuen Geist geordneten Welt". Schiffe von heute weisen eher in die entgegengesetzte Richtung: Als Zweckbauten von Land auf einem Schiffrumpf montiert.

Nun ist genug gelobt, nur eines noch zum Schluss: Auch das Buch zur Ausstellung hat uns gut gefallen.

Die Ausstellung ist bis zum 17. April 2017 geöffnet. 

Zum Thema: siehe auch die Ankündigung des Schifffahrtsmusueums in der Seite Termine 2016 in den HAFENMELDUNGEN